Das waren zwei äußerst interessante Tage in Frankfurt. Der Stifterverband der Deutschen Wissenschaft und das Handelsblatt hatten Wissenschaftler, Unternehmen, Studenten und Wirtschaftsblogger zur Tagung Ökonomie Neu Denken eingeladen (siehe dazu Vorbericht vom Montag). Um es gleich vorwegzunehmen: Die Ökonomie wurde auch in Frankfurt nicht neu erfunden. Das hatte aber auch niemand erwartet. Hier meine Impressionen von der Veranstaltungen (siehe unten weitere Berichte).
Beeindruckt hat mich die Selbstkritik der Ökonomen an der Ökonomik. Den mit Abstand interessantesten Vortrag dazu haben nicht etwa die Promis Thomas Mayer von der Deutschen Bank oder Kenneth Rogoff gehalten, sondern die britische Ökonomin und Buchautorin Diane Coyle, die gleich zu Beginn eine steile Vorlage lieferte. In Coyles Vortrag (hier nachzulesen) fand ich viele Gedanken wieder, die ich in den letzten Jahren verstreut auf zahlreiche eigene Beiträge verteilt hatte. Sie nannte die Neue Institutionenökonomik, Behavioral Economics und komplexitätstheoretische Ansätze als interessante Denkrichtungen und forderte u.a., dass sich die Ökonomie mehr interdisziplinär engagieren müsse.
Sie ging aber noch einen Schritt weiter und warf der Ökonomie eine Mitschuld an der Finanz- und Wirtschaftskrise vor. Widerspruch erntete sie dafür nicht. Andere Redner schlossen sich der Kritik an. So war etwa sehr interessant, wie der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, aus den fehlerhaften Annahmen der verwendeten Modelle darauf schloss, dass die Analysemodelle der Vermögensverwaltung nicht funktionieren könnten. Er betonte außerdem die Grenzen der VaR-Modelle, die eine große praktische Relevanz für das Risikomanagement von Banken haben und sich als ungeeignet erwiesen haben. Die ausgefeilten finanzmathematischen Modelle haben in den Banken zu einer Art “Kontrollillusion” geführt.
Gut, das ist jetzt genau so wenig eine neue Erkenntnis gewesen, wie die von Professor Suchanek, dass eines der Schlüsselthemen der Ökonomik Vertrauen ist. Bemerkenswert aber, dass die für die Praxis sehr relevante Frage, wie eigentlich Vertrauen wieder hergestellt werden könne, lt. Suchanek kaum erforscht sei. Suchanek warf in einer Panelldiskussion übrigens ein, dass Studierende sich heute mehr für die moralische Qualität von Märkten interessieren. Ein Fehler in der Vergangenheit seit gewesen, dass man Ethik und Märkte getrennt erforscht habe, dabei gehöre dies eng gemeinsam beachtet.
Die Kritik an Modellen, Methoden und Annahmen zog sich durch nahezu alle Vorträge. Ich empfand die Kritik an der Mainstream-Ökonomie so überwältigend, dass ich mich frage, wer heute denn noch den Mainstream vertritt. Die Antwort darauf gab Professor Justus Haucap, der Vorsitzende der Monopolkommission und VWL Professor in Düsseldorf: Es ist die Lehrbuchökonomie, die auf den Stundenplänen der Hochschulen steht.
Rogoff hat der Kritik an der Ökonomie in seinem Vortrag dann prominentes Gewicht verschafft. Er sprach von der Selbstzufriedenheit der akademischen Ökonomie in der Phase der Great Moderation. Man liebte die Annahme, dass Märkte sehr, sehr gut funktionieren. Dabei seien schon damals den Ökonomen viele Abweichungen bekannt gewesen, wie etwa die Existenz von Banken, Probleme der Externalitäten und Umweltprobleme. Ein Problem der Ökonomie oder besser der Ökonomen sei, es sei sehr hart, diese Abweichungen in Modelle zu packen.
Tatsächlich zeigten sich die Teilnehmer ratlos auf der Suche nach einem neuen Paradigma. Mich verleitete das in meinem Statement, zu dem ich am Ende eingeladen war, zu der These, dass sich die Ökonomik im Sinne Kuhn erst am Anfang einer wissenschaftlichen Revolution befände (siehe dazu Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen und diese von Peter Brescher bereit gestellte Übersicht). Tatsächlich können wir genau jetzt den Wettbewerb verschiedenster Ansätze in der Ökonomik auf dem Weg hin zu einem möglicherweise neuen Paradigma beobachten. Und gerade dies macht die Wirtschaftswissenschaft noch interessanter, als in den Zeiten, in den ich studiert habe.
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